Sie sitzt aufrecht und führt in grösster Achtsamkeit den Löffel mit der Pistaziencreme in den Mund. Sie lässt sich Zeit, bevor sie ihn wieder herauszieht. Mit einem Blick hoch zur Galerie kontrolliert sie, ob die Blicke, die sie auf sich gespürt hatte, tatsächlich da gewesen waren oder nur eingebildet. Er hat sie nicht beobachtet – oder zumindest nicht mehr. Sie ärgert sich darüber, dass ihre Aufmerksamkeit vielmehr bei diesem Typen liegt als bei sich selbst. Und sowieso: Sie wollte doch nur Urlaub für sich machen, mit dem Versprechen, keine Rücksicht zu nehmen auf potenzielle Abenteuer. Die kann sie auch ganz gut alleine haben. Dennoch lässt der Gedanke sie nicht los, dass er sie aus einem bestimmten Grund angesprochen hatte. Er wollte nicht Emilie suchen – er wollte mit ihr in Kontakt kommen. Sie hat gelernt, ihren Körper als Werkzeug für Aufmerksamkeit zu nutzen. Auch wenn sie es nicht gerne zugibt: Jede Bewegung, jeder Blick, jede Position – sie kontrollierte alles, wenn sie musste. Und dieses Müssen kam automatisch, sobald Männer – vor allem attraktive Männer – sie umgaben. Es war wie ein Skript, das sich von selbst abspielte. Sie hasste sich dafür. Und trotzdem brauchte sie es, denn es waren die Spielregeln, die sie schon als kleines Mädchen gelernt hatte.
Sie wusste nicht, was sie davon abhielt, einfach zur Bartheke zu gehen und einen Drink zu bestellen. Normalerweise würde sie sich als selbstbewusste Person bezeichnen – aber diese Situation ließ sie schrumpfen. Sie am Pool. Die gutaussehenden Männer hinter der Bar. Das Bewusstsein, dass ihr Körper von allen abgecheckt werden könnte. Die Frauen mit ihren Traumkörpern. All das ließ eine unsichere Frau aus ihr werden, und sie hasste jede Sekunde davon. Sie hasste, dass sie ihren Körper nicht vollständig lieben konnte – obwohl er alles für sie war. Wortwörtlich: Dank diesem gesunden Körper hatte sie so vieles erleben dürfen. Und sie hasste, dass Männer so viel Einfluss auf sie haben konnten. Warum konnte sie nicht einfach einen Scheiss darauf geben?
Jedes Selbsthilfebuch würde sagen, sie habe ihren Selbstwert noch nicht erkannt. Aber was für ein Quatsch. Wenn du in einer Gesellschaft aufwächst, in der du als Frau ein Sexobjekt bist – in der du das Gefühl bekommst, nur als schönes Gesicht zu zählen, in der Frauen Männern optisch zu dienen haben, jede andere Frau eine Konkurrentin ist und ein nicht perfekter Körper dich zum Verlierer macht – dann muss man verdammt stark sein, um das alles spurlos an sich abperlen zu lassen. Und je nachdem, wie die Hormone gerade spielen, kann es sich anfühlen wie ein Kampf gegen ein unsichtbares Gefängnis, aus dem man sich immer und immer wieder befreien muss.



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