Single, aber nicht allein
Früher dachte ich, Liebe sei wie im Film: Man trifft die eine Person – und alles passt.
Heute weiss ich: Meine Liebesgeschichte existiert auch ohne „die eine Person“.
Als Langzeit-Single habe ich gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen. Ich bin unabhängig, selbstbestimmt – und brauche keine romantische Beziehung, um mich vollständig zu fühlen.
Und doch spüre ich manchmal: Ich bin von niemandem die eine Lieblingsperson. Das schmerzt – besonders, weil ich schon als Kind durch Filme und Bücher lernte: Das Happy End kommt erst, wenn man „den Deckel zum Topf“ gefunden hat.
Warum reicht es nicht, bei vielen in meinem Umfeld unter den Top 10 zu sein?
Vielleicht, weil wir alle nach Sicherheit, Zugehörigkeit und Wertschätzung suchen. Die Vorstellung vom Seelenverwandten spricht genau dieses Bedürfnis an – und wird von einer ganzen Industrie vermarktet.
Nur: Dieses Bedürfnis lässt sich auch anders erfüllen.
Abschied von alten Erwartungen
Lange glaubte ich, wahre Liebe gäbe es nur in romantischen Beziehungen.
Die Liebe zur Familie? Eine andere Art.
Freundschaft? Eine Verbindung von Interessen – zwar mit Emotionen, aber nicht mit dieser tiefen Liebe.
Dieser stille Glaubenssatz machte Liebe selten und schwer. Er liess mich vorsichtig werden, liess mich zurückweichen – aus Angst vor Enttäuschung.
Die Wende kam, als mir klar wurde: Eine romantische Beziehung ist nicht die Antwort auf alles. Sie ist kein Wundermittel, das alle Probleme löst.
Kein Partner wird jemals 100 % meiner Bedürfnisse erfüllen – und ich nicht seine. Wenn ich Liebe leben will, muss ich zuerst wissen, was ich wirklich brauche.
Meine Grenzen, mein Raum
Also begann ich, meine Bedürfnisse zu erforschen.
Ich las feministische Texte, beschäftigte mich mit Selbstbestimmung und emotionaler Integrität. Früher sagte ich Ja, wenn ich eigentlich Nein meinte – und stellte meine Bedürfnisse hinten an. So liess ich zu, dass meine Grenzen überschritten wurden, körperlich wie emotional.
Diese Erfahrungen fühlten sich an wie kleine Schnitte in meiner Seele – und lange gab ich mir selbst die Schuld dafür.
Heute kann ich sie benennen, was sie waren: Grenzverletzungen.
Das war schmerzhaft, aber auch heilend.
Jetzt erkenne ich meine Grenzen klarer – und handle entsprechend. Nicht aus Anpassung an andere, sondern aus Ausrichtung auf mich selbst.
Liebe ohne Etikett
Mit wachsender Selbstachtung veränderte sich mein Blick auf Liebe.
Ich kann Zuneigung heute leichter zulassen und erkenne echte Wertschätzung schneller.
Ich erlebe Liebe in vielen Formen: in der Natur, unter Freunden, in meiner Familie, in zufälligen Begegnungen oder sogar in flüchtigen Bekanntschaften.
Ich weiss nun: Liebe ist eine bewusste Entscheidung – kein Schicksalsmoment.
Ich wähle bewusst, wem ich Zeit und Zuneigung schenke.
Romantische Beziehungen sind schön – aber nicht die Krönung von allem. Wer nur nach der grossen Liebe sucht, verpasst oft die kleinen Liebesmomente: ein vertrautes Gespräch, eine zärtliche Geste, eine unerwartete Begegnung, ein gemeinsames Lachen oder ein schönes Erlebnis.
Liebe kann überall entstehen, wo Wertschätzung und Hingabe sind – auch zwischen Fremden. Sie ist nicht an einen Beziehungsstatus gebunden.
Mein neuer Glaubenssatz
Liebe beginnt in meinen Händen, in meinen Worten, in meinem Blick.
Wenn ich sie schenke, wecke ich sie – zuerst in mir, dann in der Welt.
Sie ist kein Geschenk, das ich empfange, sondern eine Kraft, die ich selbst entzünde.
Und in diesem Feuer finde ich die Liebe, nach der ich so lange gesucht habe.



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