Stell dir vor, du stehst vor unendlich vielen Türen. Jede führt in ein anderes Leben. Ein verlockender Gedanke, oder? Doch was, wenn du nicht weisst, welche du nehmen sollst? Die Fülle an Möglichkeiten kann inspirieren – oder lähmen. Und wenn du erst hindurchgegangen bist, fragst du dich vielleicht: War das die richtige Wahl?
Ein Moment der Klarheit
Ich erlebte einen solchen Moment vor einem Jahr. Mein Job war sicher, mein Alltag geordnet – ich hatte alles, was man sich wünschen konnte. Dachte ich. Doch dann musste ich unerwartet für einige Tage ins Krankenhaus. Plötzlich wurde mir bewusst, wie fragil alles sein kann. Auch wenn keine akute Gefahr bestand, hinterliess diese Erfahrung Spuren. Sie zwang mich, mein Leben neu zu betrachten: Fühlte ich mich wirklich am richtigen Platz? Oder hielt ich nur aus Angst an einer vermeintlichen Sicherheit fest? War es vielleicht Zeit, eine andere Tür auszuprobieren?
Love it, Change it, or Leave it: Ein Prinzip für Entscheidungen
Zweimal habe ich meinen sicheren Job gekündigt – ohne festen Plan. Beim ersten Mal hatte ich gerade einen lang ersehnten Karriereschritt gemacht, nur um zu merken: Das war es gar nicht, was ich wollte. Ich hatte erreicht, was ich mir vorgenommen hatte, doch es fühlte sich leer an. Ich sehnte mich nach neuen Impulsen. Beim zweiten Mal war es die Erkenntnis aus dem Krankenhausbett, mehr im Jetzt zu sein und mir die Zeit zu nehmen, die privaten Veränderungen der letzten Monate wirklich zu verarbeiten.
Mit den Kündigungen hatte ich Situationen verlassen, die mich vermeintlich glücklich machen sollten. Unbewusst folgte ich dabei einem Prinzip, das mir heute klarer denn je erscheint: Love it, Change it, or Leave it. Wer unzufrieden ist, hat drei Möglichkeiten:
- Love it: Kannst oder willst du eine Situation nicht ändern? Dann akzeptiere sie bewusst. Dauerhafter Ärger raubt Energie.
- Change it: Liegt die Veränderung in deiner Hand? Dann handle – Wachstum entsteht selten in der Komfortzone.
- Leave it: Manchmal ist Loslassen die beste Entscheidung – mutig, unbequem, aber befreiend.
Gesellschaftliche Erwartungen
Als ich Bekannten erzählte, dass ich eine Auszeit nehme, kam oft die Frage: «Und, wo geht’s hin? Sicher nach Südamerika?» Anfangs bejahte ich das oder spielte tatsächlich mit Reiseplänen. Ich hatte das Gefühl, meinem Umfeld einen «legitimen» Grund nennen zu müssen – bis mir klar wurde, dass ich das mehr für andere als für mich selbst tat. In Wahrheit wollte ich vor allem eins: Zeit für mich.
Wie oft lassen wir uns von gesellschaftlichen Normen leiten, ohne es zu merken? Wir wachsen in einem Umfeld auf, das uns prägt. Von klein auf lernen wir, welche Wege als «richtig» oder «anerkannt» gelten – sei es eine bestimmte Karriere, ein bestimmtes Lebensmodell oder das Streben nach Erfolg, wie ihn andere definieren. Doch treffen wir unsere Entscheidungen wirklich frei – oder orientieren wir uns an Erwartungen, die gar nicht unsere eigenen sind?
Es braucht Mut, sich davon zu lösen und den eigenen Weg zu finden. Doch wenn wir uns bewusst machen, dass wir es niemandem recht machen müssen ausser uns selbst – und dass sich andere oft gar nicht so viele Gedanken über uns machen, wie wir meinen – wird die Last der gesellschaftlichen Erwartungen leichter. Dann können wir loslassen und uns auf das konzentrieren, was uns wirklich wichtig ist.
Wahre Sicherheit kommt von innen
Diese Zeit der Unsicherheit nach meinen Kündigungen war nicht nur inspirierend, sondern auch herausfordernd. Doch sie führte mich zu einer wichtigen Erkenntnis: Wahre Sicherheit entsteht nicht durch äussere Stabilität, sondern durch Vertrauen in die eigene Fähigkeit, mit Veränderungen umzugehen. Wir suchen oft nach Sicherheit in Dingen, die ausserhalb unserer Kontrolle liegen – sei es ein stabiler Job, ein solides Einkommen oder die Zustimmung anderer. Doch all das kann sich verändern. Was bleibt, ist die Fähigkeit, mit neuen Situationen umzugehen, auf unsere Stärken zu vertrauen und Herausforderungen anzunehmen.
Fehlentscheidungen: Risiko oder Lernchance?
Der Druck, die richtige Wahl zu treffen, kann lähmen. Doch was, wenn es gar keine «falschen» Entscheidungen gibt? Sondern nur Wege, die uns neue Erkenntnisse bringen?
Ich habe mal gehört: Wenn du die Wahl hast, entscheide dich für den schwierigeren Weg. Oft steckt darin die grösste Chance zu wachsen. Doch nicht jede Entscheidung muss eine Mutprobe sein. Manchmal ist es genauso klug, bewusst den einfacheren Weg zu wählen – besonders, wenn die eigenen Ressourcen begrenzt sind. Der Schlüssel liegt darin, ehrlich mit sich selbst zu sein: Treffe ich diese Wahl aus Angst – oder weil sie wirklich zu mir passt?
Jede Entscheidung ist eine Erfahrung. Jeder Umweg ein Lernprozess. Vielleicht sind Fehler nur Richtungswechsel, die uns ein Stück näher zu uns selbst bringen. Selbst wenn wir uns rückblickend fragen, ob eine Wahl die beste war – hat sie uns nicht trotzdem wachsen lassen? Hat sie uns nicht etwas über uns selbst beigebracht?
Kopf, Bauch und Zeit: Die besten Ratgeber
Wie treffen wir die besten Entscheidungen? Rational oder intuitiv? Für mich ist es eine Mischung: Mein Verstand analysiert, mein Bauch gibt Impulse. Doch die wichtigste Zutat ist Zeit. Ich lasse Entscheidungen reifen, bis Kopf und Herz im Einklang sind.
Es gibt Momente, in denen eine schnelle Entscheidung erforderlich ist, doch oft haben wir mehr Zeit, als wir denken. In der Ruhe liegt die Klarheit. Wer sich erlaubt, nicht sofort handeln zu müssen, gibt sich selbst den Raum, alle Aspekte einer Wahl bewusst abzuwägen. Je besser wir uns selbst kennen, desto leichter fällt es, unseren eigenen Weg zu wählen.
Die Kunst, Chancen zu nutzen
Letztlich hat nicht jede:r das Privileg, sich all diese Gedanken machen zu können. Für viele bedeutet das Leben nicht Selbstverwirklichung, sondern pures Überleben. Gerade deshalb ist es wertvoll, die eigenen Möglichkeiten bewusst wahrzunehmen. Freiheit ist ein Geschenk – und mit ihr kommt Verantwortung. Doch wer den Mut hat, Entscheidungen zu treffen, sich seinen Chancen zu stellen und seinen eigenen Weg zu gehen, wird erkennen: Die grösste Sicherheit liegt nicht im Festhalten, sondern im Vertrauen in sich selbst.
Welche Entscheidung schiebst du schon lange vor dir her – und was hält dich zurück?



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